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Was ist Erziehungswissenschaft?
Hans-Christoph Koller (DGfE)
Erziehung kann man, wie von Siegfried Bernfeld bereits 1925 vorgeschlagen, als die „Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache“ begreifen. Geht man von diesem Verständnis aus, so beschäftigt sich die Erziehungswissenschaft mit allen Formen, in denen eine Gesellschaft darauf reagiert, dass Menschen nicht als ‚fertige‘ Wesen auf die Welt kommen, sondern erst allmählich ‚erwachsen‘ werden und sich ihr ganzes Leben lang (weiter)entwickeln. Zu diesen Reaktionen auf die „Entwicklungstatsache“ gehören nicht nur das Verhalten individueller Akteure (wie z.B. von Kindern, Jugendlichen, Lernenden, Eltern, Lehrpersonen oder anderen pädagogisch Tätigen), sondern auch alle institutionellen Vorkehrungen, die in einer Gesellschaft getroffen werden, um Lern- und Bildungsprozesse zu begleiten und zu gestalten – wie z.B. Kindergärten, Schulen, sozialpädagogische Einrichtungen, Volkshochschulen usw. Die Erziehungswissenschaft beobachtet also keineswegs ausschließlich Prozesse in Kindheit und Jugend. Vielmehr hat sie es mit Prozessen zu tun, die Menschen aller Altersgruppen betreffen und sich auch in entsprechend unterschiedlichen Institutionen vollziehen. Ihre Teilgebiete reichen deshalb von der Pädagogik der frühen Kindheit über Schulpädagogik, Sozialpädagogik und Behindertenpädagogik bis zur Erwachsenenbildung.

Zu den Themen, mit denen sich die Erziehungswissenschaft auseinandersetzt, gehören u.a. die folgenden Fragen:
  • Was sind Voraussetzungen, Bedingungen und „Ergebnisse“ von Erziehung, und zwar sowohl auf individuell-psychologischer als auch auf gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer und kultureller Ebene?
  • Wie hat sich das, was wir heute unter Erziehung und Bildung verstehen und was wir als solche praktizieren, historisch entwickelt?
  • An welchen Zielen, Werten oder Normen orientiert sich Erziehung? Was wird jeweils von wem als Ziel pädagogischen Handelns betrachtet?
  • Welche Mittel stehen zur Verfügung bzw. werden eingesetzt, um Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse zu befördern, zu gestalten, zu beeinflussen?
Was die Methoden der Erkenntnisgewinnung angeht, zeichnet sich die Erziehungswissenschaft durch eine Pluralität unterschiedlicher Ansätze und wissenschaftlicher Vorgehensweisen aus. So gibt es z.B. sozial- und kulturwissenschaftliche Ansätze, die Bedingungen, Verläufe und Ergebnisse pädagogisch relevanter Prozesse empirisch untersuchen, aber auch geisteswissenschaftliche Ansätze, die mit hermeneutischen oder anderen philosophischen Mitteln nach der Begründung, Zielbestimmung und Kritik pädagogischen Handelns fragen. Dabei ist innerhalb der Erziehungswissenschaft umstritten, ob wissenschaftliche Arbeiten nur die (Erziehungs)Wirklichkeit beschreiben oder ob sie auch wertende Aussagen über pädagogische Ziele, Normen und Werte machen sollen. Einigkeit besteht aber darin, dass Wissenschaft zur rationalen Bearbeitung pädagogischer Problemstellungen beitragen sollte.